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für den 18.08.2017

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Kirchenschiff 'Johann Hinrich Wichern' Pfarrer Frank Wessel winkt von der "Johann Hinrich Wichern" - eine pastorale Aufgabe auf dem Wasser.

Binnenschifferdienst

"Wir fahren immer - außer bei Nebel"

Pfarrer Frank Wessel leitet den Evangelischen Binnenschifferdienst in Duisburg. Mit seinem Team ist er für alle 36 Häfen und Verladeeinrichtungen in Duisburg und für 700 Kilometer Wasserstraßen zwischen Emmerich und Trier zuständig. Die Schiffsleute werden besucht. Das muss man, in ihrer Welt, in der sich alles ändert.

Pfarrer Frank Wessel Pfarrer Frank Wessel

In der Meidericher Schleuse packt Frank Wessel mit an. Dann nimmt der Pfarrer das Tau vom Poller und wirft die Schlaufe über das nächstniedrige in der senkrechten Reihe. Und gleich wieder mit dem Tau nachgeben. Der Wasserstand sinkt schnell. Gleich gibt das Untertor den Weg zum Rhein frei. Das Kirchenboot „Johann Hinrich Wichern“ nimmt Fahrt auf.

Hinter der Kohle- und der Ölinsel passieren sie den Tanker „Rhoen III“ auf dem Weg in den südholländischen Seehafen Moerdijk. Frank Wessel winkt. Winken ist eine pastorale Arbeit auf dem Wasser. Präsenz zeigen. Die Kirche ist da. Bietet Hausbesuche an. „An Bord gerufen zu werden ist die Krönung“, sagt Wessel. Dann haben die Leute ein Problem. Oder wollen ihre Kinder taufen lassen.

Pfarrer Frank Wessel leitet den Evangelischen Binnenschifferdienst in Duisburg. Viele hier kennt er aus dem Religionsunterricht. Wessel unterrichtet am Duisburger Schiffer-Berufskolleg Rhein, 150 Leute in drei Klassen. Inzwischen sind mehr Frauen dabei. „Die habe ich getraut“, lässt er bei einem Schiff fallen, und noch eins weiter: „Da habe ich die Kinder getauft.“

"Wichtig ist, die Isolation aufzubrechen"

Das Kirchenboot ist auch Kirchenschiff. Taufen finden unten im Bauch statt. Fünf oder sechs seiner früheren Berufsschüler hat Wessel im vergangenen Jahr getraut – auf ihren Frachtern. Schiffsleute feiern auf dem Wasser. „Bei Taufen hatten wir immer schönes Wetter“, sagt Wessel. Schiffsleute muss man besuchen, in ihrer Welt, in der sich alles ändert. Seeleute vereinsamen leicht. „Wichtig ist, die Isolation aufzubrechen“, sagt Wessel. Jedes Jahr besuchen sie tausend Schiffe. „Wir fahren immer“, schiebt er nach, „außer bei Nebel.“

„Die Arbeit der Einrichtung ist offen für Menschen aus allen Ländern dieser Erde, unabhängig von Religion und Konfession“, heißt es auf der Homepage des evangelischen Kirchenkreises Duisburg. „Sie ist konsequent als aufsuchende Arbeit konzipiert und hat ihren Schwerpunkt im Bereich Seelsorge und Beratung sowie Diakonie.“

Das Team besteht aus vier Leuten: Kluge und er, die Diakonin Gitta Samko, die heute nicht dabei ist, und Frau Goerke. Sie putzt die Schlafräume und die Küche unten im Bauch. Auch sie hat auf dem Boot geheiratet. Und ihre Tochter wurde hier getauft. An der Schifferbörse, in der Nähe der Horst-Schimanski-Gasse, steigt sie aus.

Einen zweiten Schiffsführer suchen sie noch. Reinhard Kluge hat 1966 auf einem Frachtschiff angefangen. Auf der katholischen „St. Nikolaus“ hat er geheiratet. Das Bistum Essen hat sie aufgegeben und nutzt heute die „Wichern“ mit.  Letztes Jahr ging Kluge in den Ruhestand. Das Kirchenboot steuert er nebenbei.

Vierzehn Tage nach Trier und zurück, dreimal Treibstoff bunkern

„Mit dem Boot nehmen wir teil am Leben auf dem Wasser“, sagt Wessel. Eine Tankfüllung, tausend Liter Diesel, verschlingt 800 Euro. Und sie sind für alle 36 Häfen und Verladeeinrichtungen in Duisburg und die 700 Kilometer Wasserstraßen in der Evangelischen Kirche im Rheinland zuständig, von Emmerich an der holländischen Grenze bis Trier. „Nach Trier und zurück sind wir vierzehn Tage unterwegs“, erzählt er. Dreimal Treibstoff bunkern. Sie können auf dem Boot leben. Unten sind zehn Schlafplätze, Küche und ein Bad.

In Duisburg machen auch Hochseeschiffe fest. Gitta Samko besucht sie vom Land aus. Bringt den Leuten Telefonkarten, damit sie nach Hause telefonieren können, und fragt, was sie brauchen. Stammen sie nicht aus Schengen-Staaten, dürfen sie nicht an Land.

Seeleute sind oft monatelang von ihren Familien getrennt

Oft kommen Besatzungen aus ganz verschiedenen Nationen und können sich kaum untereinander verständigen. Monatelang sind die Seeleute von der Familie getrennt. Die Seemannsmission, zu der auch der Duisburger Binnenschifferdienst gehört, setzt sich für die Würde der Seeleute ein. So sagt sie in ihrem Leitbild.

Im Parallelhafen liegen die ISPS-Terminals. Hermetisch abgeriegelt nach dem Maßnahmenpaket des "International Ship und Port Facility Security Code". Alle Container werden durch Röntgenbrücken geschoben. Die Terminals sollen die Seefracht in die USA vor Terrorismus schützen.

Das hat die amerikanische Regierung 2014 den Häfen der Welt aufgezwungen. Die haben sich vergeblich gewehrt. Aber das US-Geschäft kannst du nicht aufs Spiel setzen. Die Liegeplätze sind mit Stacheldraht bis zum Wasser abgesperrt. „Wenn ein Seemann einen Infarkt kriegt, kommt auch kein Rettungswagen mehr rein“, sagt Wessel.

Allen Hafenbecken in Duisburg gehen auf den Rhein. Allen Hafenbecken in Duisburg gehen auf den Rhein.

Schifffahrt ist der Indikator der Globalisierung. Container haben die Branche revolutioniert. Man kann sie Tag und Nacht umschlagen, das verkürzt Liegezeiten. Die Matrosen haben nie Ruhe. Menschen werden zum Kostensenkungsfaktor. Und haben Angst um ihren Arbeitsplatz.

Wenige Flüsse auf der Welt sind so befahren wie der Rhein, auf den alle Hafenbecken gehen. 600 Schiffe pro Tag pendeln im Schnitt zwischen Rotterdam und Duisburg, 400 pro Tag bis Köln und 300 bis Mainz. Duisburg liegt günstig. Deshalb boomt der Hafen. Durch die Meidericher Schleuse führen die Ruhr und der Rhein-Herne-Kanal mit seinen Verbindungen zu Ems, Weser und Elbe. Die schwarzen Berge auf der Kohleninsel stammen aus China und Australien.

20 Kilometer nordöstlich, in Bottrop, wird mit riesigen Subventionen die letzte einheimische Kohle aus tausendzweihundert Metern Tiefe geholt. 2018 ist Schluss damit. Für den Hafen fällt das kaum noch ins Gewicht. Mit Kohle und Stahl wurde er groß. Jetzt ist er der Knoten der europäischen Logistik. Bahngleise reichen bis an den Hafenkanal, den Parallelhafen und ans Kombiterminal drüben in Rheinhausen.

Kratzbäume und Hamsterräder sind die neuen Strangprofile

1987 ist vergessen, als die Rheinhausener Krupp-Hüttenwerke geschlossen werden sollten und zehntausend Stahlarbeiter mit einer Menschenkette über die Brücke der Solidarität bis nach Dortmund das Ruhrgebiet lahmlegten. Genau zur gleichen Zeit hat im nahen Erkelenz der erste „Fressnapf“-Discount für Tierbedarf geöffnet.

Seit Weihnachten 2016 löschen in Rheinhausen 80 „Fressnapf“-Lageristen in zwei Schichten Containerschiffe aus Asien und den USA. Kratzbäume und Hamsterräder sind die neuen Strangprofile. Per Schiff, Bahn und LKW gelangen sie in die 1500 Filialen. Der Konzern ist europäischer Marktführer und beschäftigt auf dem ganzen Kontinent fünftausend Menschen, doppelt so viel wie bei der Stahlwerksschließung arbeitslos wurden. Wird eine dritte Schicht genehmigt, schafft „Fressnapf“ noch einmal vierzig Stellen im Terminal.

An acht Terminals werden 2017 vermutlich 140 Millionen Frachtgut umgeschlagen. An acht Terminals werden 2017 vermutlich 140 Millionen Frachtgut umgeschlagen.

Immer noch entsteht ein Drittel des deutschen Stahls in Duisburg, oben in Marxloh, wo vor elf Jahren auch die erste Großmoschee in Deutschland öffnete. Vom Hafen aus wird der Stahl weitertransportiert. Aber das Geschäft schrumpft. Dafür kommen die Container. An seinen acht Terminals schlägt Duisburg 2017 wahrscheinlich 140 Millionen Tonnen Frachtgut um und überflügelt damit Hamburg. Der Containertransport wächst schneller als die Weltwirtschaft.

Aber das ist nicht alles. „Trimodale Logistik“ lautet die Duisburger Zauberformel, Warenverkehr auf Schiene, Straße und Wasser. In Duisburg endet nach einer Viertel-Erdumkreisung der Güterzug aus dem chinesischen Chongquing.  Ins 200 Kilometer entfernte Rotterdam, dem für Deutschland wichtigsten Seehafen, verkehren nicht nur Schiffe. Bald soll ein Viertel der Fracht mit Zügen vom Meer nach Duisburg gelangen. LKWs rollen über drei Autobahnen bis ans Wasser.

Reinhard Kluge zeigt auf die Mercatorinsel westlich von der Kohle- und der Schrottinsel. „Da kommt Mercedes hin.“  Wo Kräne einst Eisenerz aus den Schiffsbäuchen klaubten, gähnt eine Brache. 2019 will die Bahn-Spedition Schenker aus zwei riesigen Hallen von dort Mercedes-Teile in die USA verschiffen. Audi und VW sind schon länger da.

Was der Klimawandel mit der Schifffahrt macht, weiß noch keiner

Gegenüber der Inselspitze, an der Friedrich-Ebert-Brücke nach Homberg, die die Hafeneinfahrt und den Rhein überspannt, entsteht ein neuer Anleger für Flusskreuzfahrer. Die meisten Binnenschiffe transportieren Fahrgäste.

„Vierzigtausend Arbeitsplätze hängen vom Hafen ab“, sagt Reinhard Kluge. Duisburg ist der Rettungsanker des Ruhrgebiets. Gut 221 Millionen Tonnen wurden im letzten Jahr über Flüsse und Kanäle in Deutschland transportiert. 2015 waren es noch 100.000 Tonnen mehr. Der Rhein fällt öfter auf Niedrigwasser als früher, das hat den Durchgangsverkehr einbrechen lassen. Was der Klimawandel mit der Schifffahrt macht, weiß noch keiner.

Auf der Rückfahrt über den Rhein klart es auf, die Sonne kommt hervor. Das Boot liegt ruhig im Wasser. Der Blick geht über die weite Fläche des Rheins. Frank Wessel geht nach draußen, setzt die Sonnenbrille auf und lächelt. „Die Freiheit hier“, sagt er, „das ist schon schön.“

Dieser Beitrag erschien in einer umfangreicheren Fassung in der Zeitschrift "Zeitzeichen" (Berlin).

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ekir.de / Wolfgang Thielmann, Fotos: Wolfgang Thielman (2), Rolf Köppen, Hans Blossey / 11.08.2017



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